1. Streich

Bote ins Jenseits

Das ist kein Arbeitstitel, denn, ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt, dieser Roman, mein erster überhaupt, ist seit September 2008 bereits auf dem Markt. Da ich unter dem Stichwort "Presse & Rezensionen" alles eingestellt habe, was mir da bisher so in die Finger geraten ist, spare ich mir an dieser Stelle das Exposé, liefere aber selbstverständlich eine Leseprobe, sozusagen als Entscheidungshilfe! Das Kapitel heißt "Die Anmeldung" und stammt aus dem 1. Drittel des Romans, unmittelbar nach dem Tod des Protagonisten.

 
Die ersten Schritte im Jenseits tat Kamp mit besonderer Vorsicht, nicht etwa weil er Angst hatte, sondern weil ihn ein dichter, weißer Nebel umgab, der alles verschluckte, was es möglicherweise um ihn herum zu sehen gab. Er wusste weder, wo er sich befand, noch in welche Richtung er gehen musste, und ging daher stumpf geradeaus. Mit jedem seiner Schritte lichtete sich der Nebel jedoch ein wenig, und nach und nach zeichneten sich in dem Nebelschleier erste Konturen ab.
    Er hatte verstanden und ging jetzt etwas schneller, um die getrübte Sicht komplett hinter sich zu lassen. Einige Schritte später blieb er mit offenem Mund staunend stehen. »Das große Gebäude«, hatte der Mann gesagt. Diese Beschreibung gehörte in jedes Lexikon als Erläuterung zum Wort »Untertreibung«.
    Als Kamp noch auf Erden wandelte, hatte er einmal eine Studienreise in die USA unternommen. Er wusste noch, wie beeindruckt er damals von der Größe der monumentalen Shopping-Mall war, in der er zusammen mit einem Kommilitonen einen ganzen Tag verbrachte ... wohlgemerkt ohne alles gesehen zu haben. Der Kasten hatte das Zeug, eine ganze Kleinstadt in sich aufzunehmen.
    Gegen das, was Kamp jetzt erblickte, war diese Mall jedoch vergleichsweise klein.
    Riesige Säulen erhoben sich vor ihm. Sie mochten bestimmt einen Durchmesser von vier Metern haben, ragten schier endlos in die Höhe und verzierten die Front eines ebenso hohen Gebäudes. Auf jeder der Säulen thronte ein mannshoher, steinerner Buchstabe aus dem gleichen Schriftzeichensatz, den man bei der Beschriftung der Tür verwendet hatte. Die Säulen waren in einem Abstand von jeweils etwa zwanzig Metern entlang der Mitte des Gebäudes aufgereiht. Rechts und links von der Säulenreihe war es jeweils noch mal so breit. Alles war in Weiß und verschiedenen Grautönen gehalten. Nur die Buchstaben auf den Säulen waren pechschwarz.
    Er kam sich entsetzlich klein und unbedeutend vor.
    »Hallo!«
    Kamp erschrak und drehte sich um. Er sah eine Frau in seinem Alter auf sich zukommen.
    »Na junger Mann, auch gerade gestorben?«
    »Ich ... äh ... ja!«
    »War wohl das erste Mal für Sie? Ihr Gesicht spricht Bände! Für mich war es schon meine dritte Zeit auf Erden. Hab die Tür mittlerweile richtig ins Herz geschlossen. Mit den Flügeln haben die sich richtig Mühe gegeben«, plapperte die Frau drauf los.
    Kamp starrte sie mit offenem Mund an und kam sich vor wie im falschen Film. Er hätte gern etwas erwidert, sah sich dazu jedoch außerstande.
    »Hat man Ihnen denn gesagt, was Sie jetzt machen müssen? Ach, wissen Sie was, gehen Sie mir einfach nach. Es ist gar nicht so schwer.«
    Die Frau setzte ihren Weg zielstrebig fort und achtete nicht darauf, ob Kamp ihr folgen würde. Nach etwa fünfzig Metern bemerkte sie, dass er nicht an ihrer Seite war, und blieb stehen.
    »Na kommen Sie schon. Nur keine Angst!«, rief sie.
    Kamp folgte ihrer Aufforderung wie ferngesteuert und schloss zu ihr auf. So langsam fing er an, zu glauben, er träumte dies alles nur und würde gleich irgendwo in seinem Büro erwachen.
    Vorsichtig beobachtete er die Frau von der Seite. Sie war völlig unbeeindruckt von dem, was gerade passierte, und schien genau zu wissen, was als Nächstes zu tun war. Er beneidete sie um diese Sicherheit.
    Je näher sie der Anmeldung kamen, desto mehr Details konnte Kamp erkennen. Vor dem Gebäude herrschte reger Betrieb. Zwischen den Säulen waren jeweils zwei große Fenster eingelassen, vor denen jeweils eine von Buchstabe zu Buchstabe unterschiedlich große Warteschlange stand. Kamp drehte sich beim Gehen um und sah, dass hinter ihnen schon wieder einige Personen eingetroffen waren und ihnen folgten.
    »Wenn man es zum ersten Mal sieht, ist es ziemlich überwältigend, nicht wahr?«
    Kamp sah die Frau an und rang sich ein stummes Lächeln ab.
    Sie tätschelte ihm dafür die Schulter.
    »Machen Sie sich nichts draus, da sind Sie in guter Gesellschaft.«
    Sie gelangten an einen breiten Abhang, in den mehrere Treppen eingelassen waren. Von den Enden der Treppen führten markierte, etwa zweihundert Meter lange Wege zu einem großen Platz, der das Vorfeld des Gebäudes einnahm.
    Alles schien aus Marmor und Stein zu bestehen. Wäre es nach Kamp gegangen, hätten sie auf Wolken gehen müssen, ein leicht dunstiger Untergrund, sodass man seine Füße beim Gehen nicht sehen kann. Er konnte sich auch nicht erinnern, durch eine Pforte gegangen zu sein, an der ein gewisser Petrus den Türsteher spielte. Eine große Anmeldung im Himmel hatte er in seinen Vorstellungen natürlich überhaupt nicht auf der Rechnung. Wenn aber schon Gebäude, dann hätten sie reichlich mit Gold verziert sein müssen. Er erwartete Engel, die wie Vogelschwärme durch die Gegend flogen, auf der Suche nach einer Seele, der geholfen werden konnte. Er bedauerte jetzt, sich nicht ernsthafter mit seiner Religion befasst zu haben. Das hätte sicher vieles einfacher gemacht.
    Schließlich erreichten sie den großen Platz. Die Frau blieb stehen und wandte sich Kamp zu.
    »Wenn Ihr Nachname nicht mit einem B anfängt, trennen sich unsere Wege hier.«
    Er bemerkte erst mit einiger Verzögerung, dass das als Frage gemeint war. »Äh, ja ... nein. Meiner fängt mit K an.«
    »Na dann, alles Gute.«
    Sie nickte freundlich und stapfte zielstrebig in Richtung der Säule mit dem B, ohne sich noch einmal umzudrehen. Kamp blickte ihr noch eine Zeitlang nach, zuckte schließlich mit den Schultern und machte sich auf den Weg zu seiner Säule. Sie zu finden, war wenigstens leicht.
    Er stellte sich an das Ende einer der beiden Warteschlangen und verrenkte den Kopf, um zu sehen, was sich ganz vorn abspielte. In den Fenstern saßen ziemlich normal aussehende Gestalten, die ebenfalls nichts Engelhaftes an sich hatten. Sie schienen die gleiche Art Anzug zu tragen wie der Mann, der ihn hierher gebracht hatte. Sie trugen auch dieselbe professionelle Freundlichkeit in ihren Gesichtern, während sie sich mit den frisch eingetroffenen Seelen unterhielten.
    Fünf Personen waren noch vor ihm dran. Das war auch etwas, das er nie und nimmer mit dem Himmel in Verbindung gebracht hätte: Schlange stehen. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik und veranlasste ihn zum ersten, von Herzen kommenden Lächeln seit – technisch gesehen – zwei Tagen.
    Kamp entspannte sich ein wenig und sah sich um. Erst jetzt bemerkte er, in welch multikultureller Gesellschaft er sich befand. Da waren Personen, die so mitteleuropäisch aussahen wie er. Er erkannte Asiaten und Afrikaner, Personen in pompös anmutenden Gewändern und auch solche von offensichtlich bettelarmer Herkunft. In seiner Reihe schien sogar ein Aborigine zu stehen, ein dunkelhäutiger Mann mit einem dichten Bart, nur bekleidet mit einem Lendenschurz und einem Kopftuch. Für ihn musste dies alles doch besonders verwirrend sein. Kamp hatte zwar keine Ahnung, welcher Art die Religion der Ureinwohner Australiens war, konnte sich aber nicht vorstellen, dass sie auch nur im Ansatz mit so etwas rechneten. Trotz allem stand der Mann sehr ruhig und geradezu aufreizend gelassen in der Reihe und wartete wie alle anderen.
    Der direkt vor ihm stehende Mann drehte sich zu ihm um. Er trug eine Uniform mit dem Hoheitsabzeichen eines Landes, das Kamp nicht zuordnen konnte, und wirkte noch unsicherer, als Kamp sich fühlte.
    »Ist das für Sie auch das erste Mal?«
    Kamp nickte.
    »Ziemlich beeindruckend, oder?«
    Kamp nickte erneut. Aus irgendeinem Grund hatte er jetzt keine große Lust auf Smalltalk. Ihm war mehr daran gelegen, in Ruhe all die neuen Eindrücke zu verarbeiten.
    Der Mann nickte ebenfalls.
    »Hatten Sie auch einen Unfall? Ich hatte ausgerechnet auf einer Brücke einen Reifenplatzer. Bin mit dem Jeep durchs Geländer geschossen und dann ... tja. War ganz schön tief.«
    Dafür sah der Mann ausgesprochen gut aus. Erst jetzt fiel Kamp auf, dass niemand irgendwelche Verletzungen zu haben schien. Die streifte man anscheinend zusammen mit dem Körper ab.
    »Ich bin mir nicht ganz sicher, was mich umgebracht hat. Auf jeden Fall war es auch eine Art Unfall ... eher ein Missgeschick.«
    »Oh!«
    »Ja.«
    Kamp gab sich kurz angebunden. Soweit es ihn betraf, war das Gespräch beendet. Der Soldat schien es, entgegen Kamps Vermutung, dass er ein wenig einfältig war, zu bemerken und drehte sich verlegen um.
    Kurze Zeit später wandte er sich ihm doch wieder zu.
    »Hören Sie, ich saß nicht allein in dem Jeep. Ein Kamerad, ein Freund von mir, hat mich begleitet. Ich würde gerne herausfinden, ob er auch hier ist. Würde es Ihnen etwas ausmachen, meinen Platz frei zu halten? Ich muss dafür nämlich ganz zum V rüber.«
    Kamp nickte.
    »Na klar. Viel Erfolg.«
    »Danke!«
 
Die Abwesenheit des Soldaten bescherte ihm die Ruhe, die er sich wünschte. Er sah sich interessiert um und versuchte, aus all den Eindrücken ein paar vorsichtige Schlüsse zu ziehen.
    Nach einer Weile war die letzte vor ihm stehende Person an der Reihe. Von dem Soldaten war weit und breit nichts zu sehen. Wahrscheinlich hatte er seinen Freund gefunden und hielt es für angebracht, sich mit ihm ausgiebig über den Moment ihres Dahinscheidens auszutauschen. Das war dann natürlich Pech für ihn, denn er würde sich, wenn er nicht jeden Moment auftauchte, komplett neu anstellen müssen. Die Schlange war nicht gerade kleiner geworden, und Kamp war als Nächster dran. Wie es aussah, traf er zu einem günstigen Zeitpunkt ein, als gerade nicht allzu viel los war.
    Er hörte die vor ihm stehende Frau sagen: »Alles klar, ich kenne mich aus.« Sie warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu und ging fort. Der Bote in dem Fenster starrte mit glasigem Blick durch Kamp hindurch und rief: »Der Nächste bitte!«
    Kamp trat vor und sah den Boten mit einer Mischung aus Neugierde und Unsicherheit an.
    »Ähm ... mein Name ist Thore Kamp ... tja, da wäre ich.«
    Der Bote hatte tatsächlich die gleiche Art Overall an wie sein Kollege aus dem Fahrstuhl. Auch die Abzeichen auf seinen Oberarmen hatten die gleiche Farbe. Er fing an, zu tippen.
    »Thore mit H oder ohne?«
    »Äh, mit. Ihr habt hier Computer?«
    Der Bote machte einen letzten Anschlag und sah zu Kamp.
    »Na sicher! Wir beobachten den technologischen Fortschritt auf Erden sehr genau und passen uns an, soweit es sinnvoll erscheint.«
    Der Bote blickte wieder zu seinem Bildschirm und hob die Augenbrauen.
    »Du bist also Thore Kamp?«
    »Ja.«
    »Geboren am 5. Januar 1974?«
    »Ja.«
    »War das dein erster Aufenthalt auf Erden?«
    »Äh, ja ... glaube ich. Kann mich an kein früheres Leben erinnern.«
    Der Bote betätigte ein paar Tasten.
    »Hast du Suizid begangen?«
    Kamp kniff die Augen zusammen und schob das Kinn vor.
    »Wie kommen Sie denn darauf? Natürlich nicht!«
    Der Bote tippte mehrere Sätze in seinen Computer und schien nicht auf seine Frage reagieren zu wollen.
    »Entschuldigen Sie bitte. Wie haben Sie das gerade gemeint?«
    »Ist nur eine Standardfrage an alle Seelen, die vor ihrem geplanten Todestag im Jenseits eintreffen. Melde dich bitte –«
    »Ich habe einen geplanten Todestag?«
    Kamp spürte ein Kribbeln.
    »Natürlich«, entgegnete der Bote ruhig.
    »Wann wäre das gewesen?«
    Der Bote blickte kurz zum Monitor.
    »24. Dezember 2045.«
    Thore stand, wie vom Blitz getroffen, mit offenem Mund vor dem Fenster. Das würde bedeuten, er wäre ... einundsiebzig Jahre alt geworden. Er befürchtete das Schlimmste. Sie hatten ihn doch zu früh abgeholt! Er verfluchte sich für seine elende Neugierde. Hätte er nur nicht diese verdammte Tür geöffnet.
    »Aber das macht doch keinen Sinn. Warum bin ich dann hier?«
    Der Bote war jetzt leicht genervt, versuchte aber – mit mäßigem Erfolg – sich nichts anmerken zu lassen.
    »Deswegen meine Frage nach dem Suizid. Wenn eine Seele vorzeitig bei uns eintrifft, wurde sie gewaltsam von ihrem Körper getrennt, entweder von sich selbst oder von jemand anderem. Es wird natürlich noch abschließend zu klären sein, ob du die Wahrheit gesagt hast. Melde dich also bitte bei Robard. Du findest ihn im Inneren des Gebäudes. Wenn du an der A-Säule vorbeigehst, kommst du auf einen großen Eingang zu. Du kannst die Fahrstühle benutzen, dritte Etage, Sektor A, Raum dreihundertsechs. Robard, Oberbote. Er wird das mit dir durchsprechen und dir auch alles Weitere erklären. Der Nächste bitte!«
    Kamp hatte plötzlich wieder das Gefühl in dem Nebel zu stehen, der ihn kurz nach dem Verlassen des Fahrstuhls umgeben hatte. Wie in Trance ging er zur Seite, um den Weg für die nächste Seele freizugeben. Was hatte das zu bedeuten? Hatte er sich tatsächlich ganz aus Versehen selbst das Leben genommen? Die Insulin-Dosis war bestimmt viel zu groß, daran bestand kein Zweifel. Um aber daran zu sterben, brauchte es schon einige Zeit, und er war doch sofort tot gewesen. Es war zumindest niemand bei ihm im Büro, der sich in hektischer Verzweiflung abmühte, ihn zu reanimieren. Hilferufe hatte er auch keine hören können.
    Vielleicht war es einem nach dem Tod nicht mehr möglich, die Lebenden wahrzunehmen? Kamp schüttelte den Kopf, das machte keinen Sinn. Es war einfach noch niemand da. Er sah schließlich alles so wie immer, das Büro, die Einrichtung, sogar seinen toten Körper. Fast hoffte er, dass es sich doch um einen Irrtum handelte und man ihn wirklich zu früh geholt hatte. Die Vorstellung, sich selbst das Leben genommen zu haben, auch wenn es nur ein Versehen war, behagte ihm überhaupt nicht. So könnte er wenigstens jemand anderem die Verantwortung dafür zuschieben und vielleicht sogar wieder zurückkehren. Ob das wohl möglich war? Er würde diesen Robard auf jeden Fall fragen, gleich als Erstes.