2. Streich

Wenn Engel morden

Auch für diese Geschichte gibt es einen Verlag, der verwegen genug ist, das gute Stück zu veröffentlichen. Mit der immer freundlichen und bemerkenswert geduldigen (denn Geduld braucht man bei mir)  Unterstützung der EDITIO DIALOG AGENCY, in persona Herr Dr. Michael Wenzel (vielen Dank an dieser Stelle!), ist es gelungen, den Emons-Verlag ein weiteres Mal davon zu überzeugen, dass es eine Riesen-Idee ist, einen Lindemann zu verlegen.

Das gute Stück ist jetzt praktisch schon in den Buchhandlungen eures Vertrauens. Vor ein paar Tagen habe ich die ersten Exemplare bekommen. Die sehen wirklich schick aus und die Story liest sich in gebundener Form glatt noch besser als am Monitor bzw. in den zahllosen selbst ausgedruckten Arbeitskopien des Manuskripts. Meine Exemplare liegen jetzt alle bei mir auf dem Nachttisch und ich werde eines nach dem anderen durchlesen ;-) So ähnlich erwarte ich das auch von euch!

Exposé
Ludger Hoffmann stirbt nach einem Trinkgelage in einem Hotel. Zum falschen Zeitpunkt, denn er hatte sich in eine Frau verliebt. Er will, dass sie davon erfährt. Zum Glück ist das Jenseits gut organisiert. Dort gibt es Boten wie Thore und Gregor, auf die man in derlei Fällen zurückgreifen kann. Hoffmann bittet sie um Hilfe und sie erledigen den Auftrag. Zurück in ihren Räumlichkeiten finden sie eine anonyme Botschaft, die besagt, dass Hoffmann ermordet wurde! Der bestätigt dies, will aber nicht wissen wer es war. Thore und Gregor dürfen somit nicht ermitteln, aber sie ignorieren die Regeln!
Die Botschaft verweist auf einen gewissen Felsenhorst. Im luziden Zustand heften sie sich an dessen Fersen und werden Zeuge, wie er einen Mann tötet. Er ist ein Auftragsmörder! Die Boten nehmen ihn in die Mangel. Er gesteht den Mord an Hoffmann und erzählt von einem bevorstehenden Treffen mit dem Auftraggeber.
Unterdessen bekommt Fabius, Gottes rechte Hand, von Hartwig, Leiter der Botenakademie, den Hinweis, dass Thore und Gregor ohne Auftrag ermitteln. Fabius erzählt es Gott, der ihn bittet, die beiden zu beobachten. Getarnt, wird er zufällig zum Überbringer einer zweiten Botschaft an Thore und Gregor. Fabius schildert Gott das Zusammentreffen mit ihnen. Als er erwähnt, wer den Zettel vor ihre Tür gelegt hat, Shannon, die Leiterin der Abteilung Eskort, wird Gott unruhig. Er erklärt sich nicht, bittet Fabius jedoch, sie weiter zu beobachten – und zu beschützen!
Felsenhorst verschwindet indessen spurlos! Thore und Gregor gehen zur Abteilung Eskort und wollen wissen, welcher Bote Felsenhorsts Seele begleitet hat, denn sie sind überzeugt, dass er tot ist. Shannon, ein alter Feind Gregors, verhindert dies, aber sie bemerken ihre Ähnlichkeit mit Hoffmanns Herzdame. Im Haus der Stammbäume finden sie heraus, dass sie ein direkter Nachkomme Shannons ist. Und nicht nur das. Hoffmann ist Hartwigs direkter Nachkomme - und Hartwig und Shannon waren vor langer Zeit ein Paar! Die Boten vermuten, dass Shannon für den Mord, und Hartwig für die Botschaften die Verantwortung trägt. Sie suchen Hartwig auf, um das Puzzle zusammenzusetzen. Dabei werden sie von Fabius und Shannon verfolgt.
Die Konfrontation eskaliert, indem sie sich mit der ihnen von Gott verliehenen Macht bekämpfen. Thore und Gregor sind jedoch rangniedere Boten und mit weniger Macht ausgestattet. Es geht um ihre Existenz - aber sie können nicht auf Augenhöhe kämpfen.
           
 
 
 
Da ich bei www.romansuche.de ebenfalls einen Text aus diesem Roman eingereicht habe, gibt es hier einen anderen zu lesen. Wer also auf die Seite der Romansuche geht, kann da noch einen anderen Ausschnitt aus diesem Buch bekommen.
          
 

Im Zentrum der großen Anmeldung des Jenseits befindet sich eine kreisrunde Parkanlage, in der allerlei botanische und künstlerische Besonderheiten so angeordnet wurden, dass es jedem Besucher dieses Parks sämtliche Sinne erfreuen soll. Pfade aus weißem Kiesel, Skulpturen – von Menschen, die irgendwann einmal Großes geleistet haben mochten, inzwischen aber der Vergessenheit anheim gefallen waren –, Springbrunnen, zahlreiche kleine Blumeninseln, kunstvoll in Form geschnittene Buchsbäume und ewig blühende Kirschbäume bildeten den Rahmen für die gemütlich aussehenden Bänke, von denen aus der geneigte Betrachter über so viel Schönheit staunen durfte.

    Der Erschaffer all dessen war ein höheres Wesen, welches es sich einst zum Hauptanliegen gemacht hatte, den Seelen der verstorbenen Menschen den Eintritt und Aufenthalt im Jenseits so angenehm wie möglich zu machen und mit Hilfe seiner Bediensteten, den Boten, das Erlebte in angemessener Weise aufzuarbeiten und daraus die richtigen Lehren zu ziehen. Wenn jemand Zeit seines Lebens richtig Mist gebaut hatte, konnte man dies schließlich nicht unkommentiert im Raum stehen lassen. So viel Verantwortung musste sein!

    Erst später kam dem Wesen, dem die höchstentwickelten Lebewesen auf Kohlenstoffbasis im Laufe ihrer Entwicklung konfessionsübergreifend die Bezeichnung „Gott“ angedeihen ließen – manche spalteten ihn, einer Laune folgend, sogar in mehrere Gottheiten auf –, der Gedanke, dass es sinnvoll wäre, diesen Seelen die Möglichkeit einzuräumen, gleich mehrere Leben auf Erden verbringen zu können. Eine Art fortdauernder Reifungsprozess.

    Gott hatte die Reinkarnation erfunden!

    Ein guter Einfall, der aber auch einiges an zusätzlichem organisatorischen Aufwand mit sich brachte. Die Reinkarnationswilligen mussten auf Brauchbarkeit zur Wiedergeburt geprüft und auf ihr neues Leben vorbereitet werden, indem sie eine adäquate Form für ihre neue Existenz wählten und in dem einen oder anderen moralischen Aspekt gegebenenfalls nachgeschult wurden.

    Es war nicht sein letzter Einfall!

    Auf diese Weise wurde das Jenseits immer größer. Strukturierung war nötig, um nicht den Überblick zu verlieren. Mehr Bedienstete wurden gebraucht, um den enormen Arbeitsaufwand bewerkstelligen zu können. Aber auch für das höchste aller Wesen wuchsen diese Bediensteten nicht auf Bäumen, so dass Gott gezwungen war, unter den Seelen der Verstorbenen verstärkt für seine Zwecke zu werben. Anschließend mussten auch diese Freiwilligen auf ihre Eignung geprüft und ausgebildet werden.

    Gott hatte mit einer vermeintlich simplen Idee eine Kettenreaktion ausgelöst, die den Rahmen dessen, was er in Sachen Jenseits anfangs für nötig und möglich gehalten hatte, mit einem gigantischen Knall sprengte. Aus einer Ebene wurden zwei, aus zweien wurden drei, und vor guten 4000 Jahren kam eine vierte dazu. Die Zahl der Städte auf der 2. Ebene des Jenseits wuchs proportional mit der Bevölkerung auf Erden. Speziell in den letzten 500 Jahren schossen neue Städte dort wie Pilze aus dem Boden.

    Ausgangspunkt all dessen war ein Pavillon, der sich in der Mitte der Parkanlage befand und von seinem Fuß aus betrachtet aussah, wie ein überdimensionaler, in den Boden gerammter Nagel. Ein sehr dicker und großer Nagel! Es war Gottes Domizil.

    In den Anfangstagen der Menschheit, als die ersten Seelen bei ihm auf der Fußmatte standen, erfüllte ihm dieser Pavillon all seine Bedürfnisse und half ihm bei der Ausübung seiner selbst auferlegten Pflichten. Er war Anmeldung, Durchgangslager, Unterkunft und Beratungsbüro in einem. Erst als die Dimensionen seiner Aufgaben explosionsartig wuchsen, zog er mit ausreichend Abstand – als eine Art Pufferzone – einen Kreis um seinen Pavillon und errichtete um diesen Kreis herum, an der äußeren Grenze der Pufferzone, die Urform der großen Anmeldung, damals noch bedeutend kleiner als heute.

    Das rege Treiben im Pavillon – eine vom Autor zu verantwortende, starke Verniedlichung des absoluten Chaos, welches dort rund um die Uhr herrschte und auf Dauer auch einen Gott regelmäßige Ausflüge an die Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn unternehmen ließ – wurde kurzerhand ausgelagert und es kehrte so etwas wie Ruhe ein.

    Die meisten Boten, sowie sämtlicher Publikumsverkehr, hatten ihre neue Heimat in der Anmeldung, und Gott konnte mal wieder durchatmen. Nur noch er und seine engsten Mitarbeiter, die ersten Domestiken, verblieben in dem Pavillon. Nur mit Gottes ausdrücklicher Erlaubnis war es normalen Seelen erlaubt, den Pavillon zu betreten. Selbst die Boten der unteren Ränge gelangten nicht ohne weiteres in die Schaltzentrale der Macht.

    Fabius, sein wichtigster Mitarbeiter, ein Bote und Domestik der ersten Stunde, gleichzeitig Gottes engster Vertrauter, stand im Eingang zum Pavillon und sah einem anderen Domestiken nach, welcher ihm bis gerade eben – ausdrücklich nur unter vier Augen und absolut vertraulich – etwas Wichtiges mitzuteilen hatte.

    Auch als der Besucher längst wieder in dem Gebäude der Anmeldung verschwunden war, sah Fabius ihm noch nach und wog nachdenklich den Kopf. Ob das gerade gehörte wirklich so enorm wichtig war, wie der Kollege behauptet hatte, vermochte er noch nicht zu beurteilen. Aber interessant war es allemal. Es war sogar hochinteressant!

    Zu seinem Leidwesen befand er sich jetzt in einem Gewissenskonflikt, denn sein Informant hatte sich absolutes Stillschweigen gegenüber jedem ausgebeten! Fabius wusste aber, dass er, sein Unmittelbarer und einziger Vorgesetzter, keinen Wert darauf legen würde, diese Geschichte vorenthalten zu bekommen.

    Im Grunde hatte er gar keine Wahl. Er musste es ihm erzählen! Denn wenn das, was er gerade erfahren hatte, der Wahrheit entsprach, gab es jemanden, der sich über Kurz oder Lang Gottes Zorn zuziehen würde – ungeachtet der Tatsache, dass dieser jemand und sein neuer Mitarbeiter bisher sein uneingeschränktes Wohlwollen genossen hatten. Und wenn er es später von jemand anders erfahren würde, womöglich mit der Zusatzinformation, dass Fabius schon seit geraumer Zeit eingeweiht gewesen war, konnte das auch für ihn unangenehm werden. Daran hatte er selbstverständlich überhaupt kein Interesse. Immerhin war er es, der ihm vor Tausenden von Jahren uneingeschränktes Vertrauen geschenkt hatte und zu seinem ersten Gehilfen machte. Fabius erinnerte sich daran, als wäre es gerade mal ein paar Tage her.

    Er war auf der Jagd gewesen, hatte seit Tagen nichts erlegt und der Hunger brannte in seinen Eingeweiden wie ein Tauchsieder. Ein Hunger, der die Gruppe, mit der er unterwegs gewesen war, bereits bis auf ihn dezimiert hatte. Er spürte, dass auch seine Kräfte beinahe aufgebraucht waren. Er musste dringend Beute machen, wenn er nicht auch wie ein gefällter Baum umkippen wollte. Er musste seine Risikobereitschaft erhöhen und begab sich – wider besseres Wissen – tief in einen raubtierverseuchten Wald hinein, in der ihm ein übellauniger und ebenfalls enorm hungriger Meister Petz zum Verhängnis wurde.

    Und dann war da plötzlich diese Tür, schlicht weiß, mit einem Schriftzug.

    Er war daran gewöhnt gewesen, ein primitives Geschöpf zu sein. Zwar wusste er schon um die Macht des Feuers und kannte sich bestens mit der Bearbeitung von Tierfellen, sowie der Herstellung von einfachen Werkzeugen aus, aber sein Hauptaugenmerk, die einzigen Gedanken, die ihn den lieben langen Tag angetrieben hatten, waren die Wünsche nach Nahrung und Fortpflanzung. So dauerte es einige Minuten, bis er merkte, dass etwas nicht stimmte.

    Er konnte lesen was auf der Tür stand!

    Seine bisherigen Gepflogenheiten in Sachen nonverbaler Kommunikation beschränkten sich auf ein paar unbeholfene Kritzeleien an irgendwelchen Felswänden oder im Sand. So etwas wie Schriftzeichen existierte in seinem Universum nicht. Dennoch wusste er genau, was sie bedeuteten. Das war etwas Besonderes! Also machte er sich sofort und ohne jedes Misstrauen daran, der Aussage des Schriftzuges nachzukommen, welcher ihn zum Eintreten aufforderte.

    Es dauerte wiederum ein paar Minuten, bis er die Tür – nachdem er sie ausgiebig beschnüffelt und vorsichtig gekostet hatte – geöffnet bekam. Erst als er in dem dahinter liegenden – damals noch unbemannten – leuchtend weißen Raum gefangen war, ging ihm ein weiteres Licht auf. Nie zuvor in seinem Leben hatte er eine Tür gesehen, geschweige denn benutzt!

    Am Ende dieses denkwürdigen Tages sollte ihm eine ganze Lichterkette den Kopf ausleuchten.

    Kurze Zeit später sah er Gott, von Angesicht zu Angesicht. Und er konnte sich sogar mit ihm unterhalten! Mit Hilfe einer ausgefeilten, wohl artikulierten Sprache, der er sich bedienen konnte, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht! Davor bestand sein rudimentärer Sprachschatz in erster Linie aus Geräuschen, die, in Ermangelung eines Wortschatzes, vorrangig von Emotionen lebten. Dass er tot war, begriff er so ziemlich als letztes, lange nachdem er sich in einer zwanglosen Plauderei mit Gott bereiterklärt hatte, ihm zukünftig eine Art rechte Hand zu sein.

    Jetzt, etliche tausend Jahre später, stand Fabius im Eingang des Pavillons und musste unwillkürlich lächeln, als er an die Ereignisse von damals zurückdachte. Erwog er ernsthaft, etwas vor ihm zu verheimlichen? Lächerlich! Ausgeschlossen! Er würde es ihm erzählen, und zwar gleich jetzt!

    Mit einem Ruck drehte er sich auf dem Absatz um und ging – mit der festen Absicht, ein Versprechen zu brechen – zu seinem Herren.