3. Streich

Auf Goldkurs (Arbeitstitel)

Schande über mich, das Manuskript ist längst fertig, aber über das Veröffentlichungsprozedere von "Wenn Engel morden" habe ich es versäumt, hier mit diesem Umstand ein wenig anzugeben. Das hole ich hiermit nach. Jetzt gibt es zumindest schon einmal ein Exposé für euch, und in den nächsten Tagen (oder Wochen) werde ich auch eine neue Leseprobe einstellen.

Exposé

Vier Offiziere der Bundeswehr starben innerhalb von wenigen Wochen, befanden sich aber nicht im Einsatz. Den hatten sie ein halbes Jahr zuvor – gemeinsam. Dort schufen sie sich einen Feind – ihren Vorgesetzten, den Kommandeur des Provincial Reconstruction Teams in Kunduz/Afghanistan, nach ihrer Bewertung ein gleichermaßen karrierebesessener wie unfähiger Stabsoffizier, der mit der ihm übertragenen Verantwortung völlig überfordert war. Die Offiziere sind überzeugt, dass dieser Mann sie auf dem Gewissen hat, weil er seine Karrierepläne durch sie gefährdet sah.

Statt zu einem der vielen Vergeltungsboten des Jenseits zu gehen, wenden sie sich direkt an den Domestiken Fabius, Gottes rechte Hand. Ihr Anliegen ist jedoch nicht das Enttarnen ihres Mörders. Zu ihrer Gruppe hatte ein fünfter Kamerad gehört, der in Hamburg lebende Hauptmann Jens Defayay. Er ist der einzige aus ihrer Gruppe, der noch nicht beseitigt wurde, und sie sind überzeugt, dass dies nur noch eine Frage von Tagen sein kann. Dies möchten sie unter allen Umständen verhindern.

Fabius beordert seine beiden besten Vergeltungsboten Gregor und Thore zu sich, um ihnen einen Auftrag zu erteilen, wie ihn in vielen tausend Jahren noch kein Vergeltungsbote zuvor durchzuführen hatte. Statt wie üblich fiktive Identitäten anzunehmen, um ihren Auftrag zu erledigen, müssen sie sich in diesem Fall wegen des Zeitmangels einer anderen Strategie bedienen. Sie werden in die Körper real existierender Personen eingeschleust und übernehmen für eine Weile deren Leben. Gregor übernimmt den Part des elf Monate alten Defayay-Sohnes Max, um zum Schutz möglichst immer in der Nähe des vermeintlich nächsten Mordopfers zu sein. Thore schlüpft in die Rolle eines Stabsoffiziers, der in den folgenden Tagen Teilnehmer an einem Seminar der Führungsakademie der Bundeswehr sein wird, welches unter der Leitung des tatverdächtigen Offiziers läuft. Thore soll dort zu seinem Schatten werden und so viel wie möglich über ihn herausfinden.

Es zeigt sich schnell, dass Thore und im besonderen Maße Gregor große Probleme mit den ihnen zugedachten Rollen haben und sich das Leben selbst schwer machen. Während Thore mit dem Soldatenalltag auf Kriegsfuß steht, schießt Gregor kapitale Böcke, indem er Dinge tut, die kein elf Monate alter Säugling jemals gekonnt hätte. Damit nicht genug, beide Vergeltungsboten entwickeln sehr schnell große Zuneigung zu den Personen, auf die sie angesetzt wurden. Es fehlt somit an der notwendigen Objektivität und Distanz, so dass das Gelingen ihrer Mission von Tag zu Tag fraglicher wird.

Dem alles koordinierenden Fabius erschließt sich schnell, dass dies nicht einfach eine Mission von vielen ist. Zu viele unerwartete Schwierigkeiten und Querschläger lassen ihn an der Sinnhaftigkeit dieses erstmaligen Experiments zweifeln. Die obligatorische Zuverlässigkeit seiner beiden besten Vergeltungsboten weist ungekannte Spitzen nach unten auf, und die Erkenntnis, dass zumindest einer der vier Offiziere gar nicht ermordet wurde, sondern hat es selbst getan, trägt nicht zum Wohlbefinden des Domestiken bei. Als Thore – bzw. der Stabsoffizier, dessen Leben er übernommen hat – dann auch noch Opfer eines hinterhältigen Anschlags wird, steht die Mission kurz vor dem Abbruch.

 

Leseprobe

Gregor konnte nicht schlafen. Er lag auf dem Bauch, beide Hände um jeweils eine Gitterstange gewickelt und den Kopf dazwischengepresst. Sporadisch rammte er den Kopf auch schon mal gegen die Gitterstäbe, und zwar immer dann, wenn er sich von dem plötzlichen Aufbegehren eines bestimmten Gefühls unterhalb seines Kopfes ablenken musste.
Er war nicht besonders müde, dafür ein wenig hungrig und ganz eindeutig durstig, aber das waren nicht die Gründe für seine Schlaflosigkeit. Gregor trug eine Windel! Schon unmittelbar nach Bezug seiner neuen Behausung spürte er, dass mit dieser Windel etwas nicht stimmte. Der Teil, der direkt in seinem Schritt klemmte, fühlte sich klamm und schwer an. Er verbot sich selbst, auch nur eine erste vorsichtige Theorie zu formulieren, woran das liegen mochte, aber da war es natürlich schon zu spät. Er versuchte sich damit zu beruhigen, dass dieser Körper und alle von ihm ausgeschiedenen Flüssigkeiten für die nächsten Tage eben ein Teil von ihm sein würden, zumal diese Sache mit den Windeln nach dieser Nacht nicht vorbei sein würde. Komischerweise erzielte der Gedanke nicht die gewünschte Wirkung.
Nachdem die anderen längst gegangen waren, und er gerade das Gefühl hatte, sich mit diesem Umstand einigermaßen arrangieren zu können, wurde er von einem neuen Gefühl überfallen. Ein drängendes, hitziges Gefühl, dessen Zentrum sich am Ende des verlängerten Rückens befand. Gregor fühlte Tränen in sich aufsteigen und fand, dass er das nicht verdient hatte. Dagegen ankämpfen – zusammenkneifen – kam aber nicht in Frage. Der Reiz war zu unnachgiebig, zu verlockend die Aussicht auf Linderung dieses Drucks. Das war der Moment, in dem er sich auf den Bauch drehte, die Gitterstäbe umklammerte – welche er seitdem nicht mehr losgelassen hatte –, tief durchatmete und mit zusammengekniffenen Augen sowie knallrotem Kopf einen ziemlichen Schlamassel in seine Windel presste. Das Glücksgefühl über den gewichenen Druck hielt gerade mal ein paar Sekunden vor, bevor es von einem Gefühl schwülen, klebrigen Ekels verdrängt wurde, welches sich nicht mehr von der Stelle bewegte.
Was für eine Schweinerei! Dabei hatte er das Zeug nicht mal selbst gegessen.
So lag er jetzt bestimmt schon eine Stunde auf dem Bauch und versuchte, sich mit Gedanken an angenehmere Dinge von dem Gefühl kalten Milchreis zwischen den Pobacken zu haben und dem sein Riechorgan malträtierenden Geruch abzulenken. Mit jeder verstreichenden Minute fiel ihm dies jedoch schwerer und die angenehmen Gedanken waren ihm ausgegangen. Er war inzwischen überzeugt, überhaupt nie etwas Angenehmes erlebt zu haben!
Draußen war es bereits hell, Hunger und Durst ließen sich nicht abwimmeln, und die langsam antrocknende Masse in seiner Windel begann ein brennendes Gefühl zu erzeugen. Das Maß war voll! Gregor hielt die Zeit für gekommen, die Nacht für die zwei Erwachsenen im Hause zu beenden. Er holte tief Luft. >>HALLO-HO!
Schon vorher war es entnervend ruhig in seinem Zimmer. Aber die Stille, die auf sein lautes Rufen folgte, senkte sich wie ein bleierner Nebel auf ihn nieder. >Hallo-ho! Er war doch erst elf Monate alt, verdammt noch mal! Das fing ja ganz fantastisch an.
Um diesen Fehltritt zu vertuschen, begann er jetzt aus vollem Hals zu schreien, als würde sich ein ganzer Stoßtrupp schwarzer Männer in seinem Zimmer befinden, drum streitend, wer ihm als erster in die Hand beißen durfte.
Er hatte sein markerschütterndes Gebrüll kaum intoniert, als auch schon zwei Fremde mit weit aufgerissenen Augen seine Tür aufstießen und ins Zimmer gestürzt kamen. Sie sahen sich kurz in dem Raum um, beruhigten sich ein wenig, gingen vor seinem Bettchen in die Hocke und sahen ihn an, als hätte er gerade etwas geschafft, was sie ihm nicht zugetraut hätten – wie etwa laut >Hallo
Gregor war dieses Übermaß an Aufmerksamkeit alles andere als willkommen und er grinste das kuhäugige Pärchen verlegen an.
Herr und Frau Defayay reagierten identisch, indem sie ihre Köpfe perplex ein wenig zurückzogen und sich mit offen stehenden Mündern ansahen. Mama Defayay stand schließlich auf und hob ihren Sohnemann aus dem Bettchen.
>>Maxi-Schatz, ist alles in Ordnung bei dir, mein Süßer?
Die Qualität von Gregors Grinsen veränderte sich. Diese Frau, nur mit einem eng anliegenden Nachthemd bekleidet, welches ihre herausragenden Brüste betonte, und den leicht verwühlten langen schwarzen Haaren, sah … fantastisch aus! Gregor hatte den ersten angenehmen Aspekt entdeckt.
Frau Defayay lächelte ihn skeptisch an und sog zweimal kurz hintereinander scharf die Luft durch die Nase ein, um ihn anschließend etwas höher zu heben. Gregor konnte kaum glauben, was diese Frau als nächstes tat. Sie steckte ihre Nase tatsächlich dahin wo es wehtat – und atmete ein!
>>Puuh! Du hast ja einen Stinkepo!
>Und du hast ein echtes Problem, Schätzchen
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Vater Defayay irgendetwas mit zusammengekniffenen Augen fixierte, schließlich aufstand und zu der Wickelkommode ging. Dort glotze er kurz das Babyfon an und rief laut >>Hey!klick
>>Scheiße! Schatz!
Mama Defayay drehte sich mit Gregor auf dem Arm zu ihm um. >>Was ist?
Vater Defayay ließ den Stecker des Babyfons am Kabel baumeln und machte ein vorwurfsvolles Gesicht.
>>War der etwa nicht drin?
>Shit!
Defayay sagte nichts und sah seine Frau einfach nur vorwurfsvoll an.
>>Das Babyfon war an, das weiß ich ganz genau. Das Licht hat geleuchtet, als ich reingesprochen habe!
Defayay sagte nichts und machte sich mit stummer Geringschätzung daran, den Stecker wieder einzustöpseln, was seine Frau offensichtlich ziemlich wütend machte. Gregor spürte, wie sie am ganzen Körper zu zittern begann und auch ihr Griff um seine Hüften wurde eindeutig fester.
>>Das ist doch wieder typisch! Du glaubst mir nicht!
>>Na hör mal! Der Stecker war nun mal nicht drin, und du hast ihn gestern ins Bett gebracht. Ist ja nichts passiert, also bleib ganz locker.
>>Bleib ganz locker? Bleib ganz locker? Komm mir bloß nicht auf diese Tour. Du weißt genau, dass ich es hasse, wenn du einen auf Gönnerhaft machst!
>>Um Gottes Willen, wie soll ich denn das jetzt geschafft haben? Ich habe doch gar nichts gesagt, nur dass du locker bleiben sollst. Was war daran jetzt verkehrt?
>>Tu nicht so unschuldig! Ich weiß, was du gesagt hast. Vor allem weiß ich, wie du es gesagt hast, und das sprach Bände!
Gregor konnte sich nicht erinnern, jemals Zeuge eines sinnloseren Streits gewesen zu sein. Das ganze Gezeter wegen eines nicht eingestöpselten Babyfons? Was sagte das über die Beziehung der beiden aus? Und dabei konnte tatsächlich keiner von beiden etwas dafür. Gregor fand diesen Disput, der sich noch nicht abgekühlt hatte, hochgradig albern, und seufzte darob laut und vernehmlich.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis er die plötzlich eingetretene Stille bemerkte. Beide Defayays starrten ihn mit offenstehenden Mündern an. Aus einem Reflex heraus betastete er sein Gesicht, weil er sich auf diese spontan gewonnene Aufmerksamkeit keinen anderen Reim machen konnte, als dass ihm gerade ein Schnauzbart gewachsen sein musste. Das war zwar nicht der Fall, aber das blanke Erstaunen in den lächerlich verzerrten Gesichtern seiner Interimseltern wurde immer größer. Er machte sich ernsthafte Sorgen um die beiden, speziell um deren Augäpfel, die jeden Moment mit einem leisen „Plop“ aus ihren Höhlen schießen mussten. Er wusste nicht, dass Menschen so bewegliche Augenlider haben konnten.
>>Vielleicht habe wir uns gerade doch nicht verhört
Der Streit war zu den Akten gelegt.
>>Sag mal was!
>>Sag mal Mama!
Gregor wog verunsichert mehrere Möglichkeiten einer angemessenen Reaktion gegeneinander ab. Er musste versuchen, nicht zu spontan reagieren und zur Abwechslung mal seinen Verstand an der Arbeit zu beteiligen. Der reagierte mit freudiger Überraschung und empfahl mit Nachdruck, nicht auf besonders lustige Weise seine Hände auf den Mund zu pressen. Er hatte so etwas mal in einem Film gesehen und fand es niedlich. Aber niedlich sein hatte zurzeit keine Priorität. Stattdessen entschied er sich für ein bisschen sinnloses Gebrabbel mit einem fröhlichen Krächzen als krönenden Abschluss.
>>Ich weiß, was ich gehört habe!
Sie schüttelte den Kopf. >>Kann aber nicht sein. Wir müssen uns irren. Das war ja nicht einfach nur ein versehentliches „Hallo“, das war ein richtiges „Hallo-ho“, mit passendem Tonfall und allem. Wie sollte er das mit seinen elf Monaten von einem Tag auf den anderen können? Bestimmt war es ein Babyfon aus der Nachbarschaft...oder einer von diesen Amateurfunkern.
Besonders überzeugt klang sie jedoch nicht und Defayay schien nicht mal in Erwägung zu ziehen, ihrem Erklärungsversuch Bedeutung beizumessen.
>>Es war seine Stimme. Ich kenne die Stimme meines Sohnes!
Gregor strahlte Defayay an, obwohl er ihm seine Unbeirrbarkeit am liebsten aus dem Anzug geprügelt hätte.
>>Du bist ein ganz besonderes Kind, mein kleiner Max. Das habe ich vom Tag deiner Geburt an gewusst.
Den darauf folgenden Seufzer behielt Gregor allein seiner inneren Stimme vor. Er hasste es, so aufpassen zu müssen, aber darauf lief es hinaus. Mit diesen kleinen Unvorsichtigkeiten hatte er sich selbst eingebrockt, in den nächsten Tagen unter besonderer Beobachtung zu stehen. Was für ein Elend!