5. Streich
 

Aus dem zuletzt angekündigte Projekt ist leider nichts geworden. Um es aber mit den Worten von Douglas Adams zu sagen: Don't panic! Ein neues Projekt ist bereits fertig. Und was noch viel wichtiger ist, es steht bereits fest, dass es veröffentlicht wird! Im Frühjahr 2015 ist es so weit. Dass ich mich freue dürfte auf der Hand liegen, und ich möchte und muss mich an dieser Stelle bei Herrn Dr. Michael Wenzel bedanken, meinem Agenten von EDITIO DIALOG, dessen Geduld mit mir scheinbar unendlich ist. Was es nicht alles gibt ...

Nachfolgend nun eine kurze Andeutung worum es in dem Projekt geht, und natürlich auch eine Leseprobe zum Anfüttern. Viel Spaß!

 

 

 

Die 38-jährige Liane Maschmann arbeitet als Bodyworkerin mit eigenem Massagesalon im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog, wo sie auch geboren und aufgewachsen ist. Bis vor wenigen Jahren war sie die Leiterin der örtlichen Polizeistation. Als Kind des Ortes bekannt und überwiegend beliebt, genoss sie wegen ihres souveränen und kompetenten Auftretens als Polizistin allseits Anerkennung und Respekt. Nach einem traumatischen Erlebnis, bei dem mit ihrer eigenen Waffe auf sie geschossen wurde, hatte sie jedoch entschieden, den Polizeidienst für immer zu quittieren. Dennoch sehen viele Bürger Friedrichskoogs immer noch in Liane die erste Ansprechpartnerin, wenn sie ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung bedroht sehen – sehr zu ihrem Leidwesen.

Als man wieder mal eine Straftat zuerst bei ihr anzeigen will – ein Einbruch bei einem Bekannten – wimmelt sie die Anzeigende routiniert ab. Aber Kommissar Jan Saalfeld, der neue Leiter der Polizeistation, greift immer wieder gerne auf ihre Erfahrung zurück und versorgt sie darüber hinaus mit Ermittlungsdetails. Auch einige ihrer Massagekunden scheinen mehr über diesen Einbruch zu wissen, bei dem der Einbrecher ums Leben kam – ein Unfall, dem Anschein nach. Diese Kunden vertrauen sich ihr ebenfalls an, so dass Liane bald über mehr Informationen verfügt, als die Polizei selbst – und anfängt, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

 

Liane fragte sich, ob es zurzeit wohl irgendwo im Landkreis Dithmarschen ein Haus geben mochte, in dem Küche und Bad so sauber waren wie in ihrem. Timo, ihr Ehemann, von Montag bis Freitag Kasernenschläfer, würde sich wohl erst vergewissern müssen, ob er auch wirklich im richtigen Haus gelandet war, hätte er sich ausgerechnet an diesem Tag zu einer Überraschungsheimfahrt mitten in der Woche entschlossen. Die Wahrscheinlichkeit dafür war allerdings eher gering, irgendwo im einstelligen Prozentbereich. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Zustand nahezu perfekter Sauberkeit bis zu seiner Heimkehr am Freitag halten würde, lag noch darunter. Liane mochte es sauber, aber sie hasste es, dafür Sorge tragen zu müssen. Was häusliche Pflichten anging, war sie eine buchstäbliche Schlampe, wie sie sich gnadenlos ehrlich und selbstkritisch eingestand.

Dass sie sich an diesem Abend trotzdem so in die verhasste Arbeit gestürzt hatte, war ein Akt der Verzweiflung gewesen. Die Maschine in ihrem Kopf hatte sich nicht mehr deaktivieren lassen. Es war zum verrückt werden! Hausputz schien ihr eine geeignete Methode zu sein, um sich davon abzulenken – und im Grunde hatte es auch ganz gut funktioniert. Es war ihr gelungen, die Konfrontation mit dem Output der Maschine zumindest hinauszuzögern. Verhindern ließ sie sich allerdings nicht. Liane saß auf der zugeklappten Toilette, die selbst beim Einbau nicht so keimfrei gewesen sein konnte wie jetzt, hörte die Geräusche in ihrem Kopf immer lauter werden und spürte ihre Wut darüber anwachsen.

Sie stand auf und ging zum Telefon. Der einzige Mensch, dem sie sich in diesem Zustand anvertrauen mochte und von dem sie sich einen brauchbaren Rat für ihr weiteres Vorgehen versprach, war Ludmilla. Sie ließ es lange klingeln, aber ihre Freundin schien nicht zuhause zu sein. Leise fluchend beendete sie den Anruf wieder, verschränkte die Arme und sah sich in ihrem Wohnzimmer um.

Zehn Minuten später lag sie auf dem Sofa, die rechte Hand auf die Augen gelegt. Die linke Hand bewahrte das auf ihrem Bauch stehende Glas vor dem Umkippen. Der kostbare Inhalt, einer der vielen teuren Whiskys, die ihr Mann sammelte, sollte nicht versehentlich verschüttet werden.

Für gewöhnlich trank Liane keinen Alkohol und war schon immer der Meinung gewesen, dass dieses aus Schottland stammende Fabrikat nach einer Mischung aus Farbverdünner und Aschenbecher roch. Wie sich herausstellte, war der Geschmack noch schlimmer, als es der Geruch befürchten ließ. Sie nippte erneut, verzog das Gesicht und empfand so etwas wie trotzige Freude an ihrem Ekel. Es kam fast ein wenig unerwartet, aber sie glaubte nun endlich stabil genug zu sein, um sich ihrem Polizistenverstand stellen zu können.

Von den an einer Hand abzuzählenden Versicherungsvertretern im Ort war Christian Pöhls derjenige, der die meisten Friedrichskooger als Kunden auf sich vereinen konnte. Auch Liane und ihren Mann. Er galt als vertrauenswürdig, war ein sympathischer Kerl, kümmerte sich und genoss den Ruf, niemandem etwas aufzuschwatzen. Seine Frau Britta hatte sich vor einem knappen Vierteljahr das erste Mal von Liane massieren lassen, was sie seitdem einmal pro Woche wiederholte.

Liane führte es auf die wohltuende Entspannung zurück, die sie ihren Kunden verschaffte, dass diese sich während der Sitzungen so bereitwillig offenbarten. Selbst jene, die für gewöhnlich als verschlossene Charaktere galten, legten nach nur wenigen Minuten Behandlung eine regelrechte Kommunikationslust an den Tag, die sie selbst wohl kaum für möglich gehalten hätten, wäre es ihnen bewusst gewesen.

So hatte sich Britta Pöhls bei ihrer letzten Sitzung zu einer Aussage hinreißen lassen, die nun in Liane arbeitete. Während sich ihre Hände durch die Rückenmuskulatur der Kundin arbeiteten, hatte jene erneut einen von unzähligen wohligen Seufzern erklingen lassen und dann einen Dialog begonnen, an dessen Verlauf Liane sich noch sehr genau erinnern konnte.

„Ich wünschte, dass mein Mann sich auch mal einer mehrwöchigen Behandlung bei dir unterziehen würde. Er hätte das bitter nötig, so verspannt und unausgeglichen wie er im Moment ist. Aber freiwillig käme der sture Kerl niemals auch nur auf den Gedanken. Dann müsste er ja zugeben, dass es ihm nicht gut geht.“

„Schenk ihm doch eine Behandlung“, hatte Liane vorgeschlagen. „Einen Gutschein habe ich dir ganz schnell ausgestellt.“

„Nein, keine gute Idee. Dann wird er nur sauer. Gerade im Moment, wo ihn irgendwie alles auf die Palme bringt.“

„Klingt aber so, als hätte er es dringend nötig. Hast du denn mal mit ihm darüber gesprochen?“

„Ach, natürlich! Gleich nach der ersten Sitzung bei dir. Er hat meine Begeisterung auch bemerkt, meinte die dann aber mit seinen üblichen Macho-Klischees abwerten zu müssen. So nach dem Motto, dass dieser – wie hat er es gleich genannt? – ach ja, dieser ganze esoterische Entspannungs- und Selbstfindungsmumpitz nur bei Frauen funktioniert, weil die einfach genetisch veranlagt sind, vorurteilsfrei an so etwas zu glauben. Allein die Verwendung des Begriffes Bodyworking ist ihm Beweis genug, dass es sich bei dem was du machst um einen weiteren Esoterik-Trend handelt, der uns Frauen magisch anzieht. Wie Krähen, die in der Sonne etwas glitzern sehen.“

„Das hat er nicht gesagt!“, hatte sich Liane empört.

„Leider doch! Mein Christian ist wirklich ein lieber Kerl, aber an gewissen Vorurteilen über Frauen hält er so unbeirrbar fest, dass ich ihn manchmal gegen die Wand klatschen könnte.“

„Also wirklich! Wenn meiner sich so etwas leisten würde, wäre hier aber Feuer unterm Dach. Weißt du denn, warum er momentan so leicht reizbar ist? Oder ist er da auch eher der Typ Einzelkämpfer, der alles mit sich selbst ausmacht, nur um uns zerbrechliche Frauen nicht mit Problemen zu konfrontieren, die unseren zarten Verstand überhitzen? Würde ins Bild passen.“

„Nein, so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Wenn ihn was bedrückt oder beschäftigt, spricht er schon mit mir darüber. Es lief halt in letzter Zeit nicht so optimal. Seine Abschlussquote war leicht rückläufig und das macht sich dann auch gleich beim Geld bemerkbar, ist ja klar. Da war er schon leicht quakig. Und als er dann mitbekommen hat, dass einer seiner Kunden, noch dazu jemand aus dem Ort, zum Abschluss einer neuen Versicherung extra zum Vertreter nach Marne gegangen ist, da war er tagelang ungenießbar.“

„Das ist aber auch kein feiner Zug, da kann ich ihn verstehen. Einfach so?“

„Er konnte es sich zumindest nicht erklären. Das war ja das Schlimme.“

Britta Pöhls hatte sich auf die Ellenbogen gestützt und Liane einen verschwörerischen Blick zugeworfen. Noch bevor Liane gegen den Stellungswechsel protestieren konnte, sagte sie „Es war Heiko Willers. Der hat in Marne eine Brandschutzversicherung neu abgeschlossen und seine Hausrat ziemlich massiv aufgestockt. Christian hat es zufällig im Datenbestand gesehen und sofort beim Kollegen in Marne angerufen. Mann, war der sauer! Das weiß du aber nicht von mir! Ich war nie hier!“

Nun hatte sich diese Erinnerung wieder in ihre Gedanken geschlichen. Liane waren noch zahlreiche Fallbeispiele aus der Zeit ihrer Ausbildung an der Polizeischule geläufig, in deren kriminelles Muster das Verhalten von Heiko Willers passen konnte. Das mutmaßliche Vortäuschen seiner Abwesenheit, während der scheinbar zufällig ein Einbrecher in seinem Haus ums Leben kam. Der ebenso mutmaßlich verheimlichte Abschluss neuer Versicherungen, die im Schadensfall große Geldsummen versprachen. Dass sie Willers mochte und grundsätzlich für einen anständigen Kerl hielt, vermochte nichts daran zu ändern, dass sie in diesem Zusammenhang auch sein Spielerdasein gegen ihn auslegen konnte. Sein Verhalten bot genug Anlass, sich etwas kritischer mit ihm auseinanderzusetzen.

Sie stürzte den restlichen Inhalt des Glases auf einmal runter – und hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen.

Schließlich traf mit sich selbst eine Abmachung: Was ihr an neuen Erkenntnissen zufiel, würde sie auch verwenden. So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Sie würde sich nicht ewig ihrer Natur widersetzen können. Einmal Polizistin, immer Polizistin, daran schien für sie kein Weg vorbeizuführen. Aber ihr Umfeld würde sie mehr denn je in dem Glauben lassen, dass ihr Interesse an derlei Dingen längst erloschen war. Natürlich würde sie auch den erbitterten Kampf gegen den Titel Frau Kommissar weiter führen. Und vielleicht war der Einbrecher ja wirklich nur ein Einbrecher gewesen, der sich ungeschickt angestellt hatte.