Motivation
Wie hat es angefangen? Eine interessante Frage. Die Antwort darauf kann relativ trocken, weil langweilig, oder ebenso interessant wie die Frage sein. Mir wurde diese Frage inzwischen schon recht oft gestellt  und ich antworte dann – natürlich – immer mit der selben Geschichte, die, nach eigener Einschätzung, wohl eher zu den interessanteren gezählt werden dürfte.
Ich habe nicht bereits im zarten Kindesalter eine Geschichte nach der anderen zu Papier gebracht. Meine Fantasie war schon damals sehr rege, wurde von mir aber nicht auf diese Weise kanalisiert. Der Umstand, dass ich als Kind/Jugendlicher ohnehin eher wenig gelesen habe, weil mein Interesse ausschließlich der Welt der Comics galt, hat dies sicher beeinflusst. Auch in der Schule bin ich nie dadurch aufgefallen, dass meine Aufsätze besonders spektakulär gewesen wären. Mit anderen Worten: Es hat eigentlich keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass in mir ein kleiner Schreiberling schlummert – weder für Außenstehende, noch für mich selbst. Ich musste erst dreiunddreißig Jahre alt werden, bis mir diese Erkenntnis durch ein zufälliges Ereignis offenbart wurde.
Ich habe ein paar Jahre in Ostfriesland gelebt und mich dort mit einem Kameraden namens Frank Rohlfs angefreundet. Als mein Dienstherr mich im Jahre 2000 nach Nordrhein-Westfalen schickte, brach der Kontakt leider ab – für fast vier Jahre. Unser erstes Telefonat nach dieser langen Zeit der Funkstille dauerte deutlich über eine Stunde, immerhin galt es die Ereignisse aus vier Jahren in komprimierter Form an den Mann zu bringen. So wusste Frank unter anderem zu berichten, dass er in der Zwischenzeit angefangen hatte, Sketche zu schreiben, von denen einige auch in der damals noch laufenden Show „RTL Samstag Nacht“ verarbeitet wurden. Ich war beeindruckt. Darüber hinaus hätte er dann auch noch mit dem Schreiben von Kurzgeschichten angefangen, nicht aus kommerziellen Gründen, sondern einfach nur für sich selbst. >>Die schick ich dir mal zu. Kannste dir ja mal durchlesen und mir dann sagen, was du davon hältst!
Wie versprochen habe ich sie mir alle durchgelesen und sie waren ... ja, ganz okay. Muss man so erst mal hinbekommen. Aber wie das bei Männern untereinander so ist, scheißegal ob befreundet oder nicht, irgendwie läuft es bei uns immer darauf hinaus, dass wir uns gegenseitig beweisen müssen, wer den Längeren hat. So war meine spontane Reaktion dann auch ein über jeden Zweifel erhabenes >Das kann ich auch, nur viel besser!Richtig Spaß! Ich habe sie meinem Freund natürlich umgehend zukommen lassen. Normalerweise keine Auseinandersetzung scheuend, nahm er diesen Fehdehandschuh nicht wieder auf! Das konnte ich also als Sieg verbuchen und das Thema wäre eigentlich durch gewesen.
Aber so funktionierte das in diesem Fall nicht!
Da brannte plötzlich allen Ernstes ein Feuer in mir, welches mir keine Ruhe mehr lassen wollte. Die Lust auf weitere Schreibversuche war geweckt, aber ich war unsicher. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich niemals auch nur den kleinsten Gedanken darauf verwendet, mir selbst so etwas wie Talent zum Schreiben zu unterstellen. Mittlerweile, im Laufe der Jahre, zum Gerne- und Vielleser mutiert, kam es mir einfach nur absurd vor, so etwas Komplexes wie ein Buch selbst auf die Beine gestellt zu bekommen. Ich habe die Kurzgeschichte mit dem Titel „Mein Leben als Sexobjekt“ auch anderen gezeigt, einfach um zu sehen, wie die reagieren. Zum Lachen sollte sie sein und meine Probanden haben gelacht – alle!
Entsprechend ermutigt habe ich mich auf die nächste Kurzgeschichte gestürzt, „Mein Leben als Nichtraucher“. Es sprudelte förmlich aus mir heraus! War die erste Geschichte nicht ganz drei Seiten lang, wurden es bei der Nichtrauchergeschichte schon zwölf. Ich habe sie niemals jemanden lesen lassen. Dass sie gut war wusste ich und, was noch viel wichtiger war, ich war überzeugt, dass ich es kann! Und zwar richtig, sprich: in Romanlänge! Kurzgeschichten waren mir nach zwei erfolgreichen Versuchen mit Kurzgeschichten schon nicht mehr genug. Jetzt musste ich wissen, ob ich das auch in Groß konnte.
Davon beeinflusst, dass ich gerade eine sehr intensive Terry-Pratchett-Phase hatte, sollte es eine Fantasy-Geschichte werden – eine lustige sowieso. Die Idee war schnell gefunden und es ging los. Zwei Wochen und cirka sechzig Seiten später musste ich mir eingestehen, dass ich das Projekt mit Schmackes gegen die Wand gefahren hatte. Ich wusste nicht wie es weitergehen sollte und wollte das eigentlich auch gar nicht, da schon die letzten zwanzig Seiten nicht mehr so recht Spaß machen wollten. Das kam unerwartet, aber die vermeintliche Ursache war schnell gefunden. Die Geschichte war ganz einfach Mist!
Nach Überwindung einer kurzen Phase der Enttäuschung, kam wenige Tage später der Elan für einen weiteren Versuch in mir hoch. Wieder Fantasy, wieder lustig, dieses Mal jedoch mit einer ganz anderen, viel mehr Potential bietenden Idee. Jetzt würde es bestimmt klappen! Nach etwa vier Wochen und nicht ganz einhundert Seiten standen meine Protagonisten mit verschränkten Armen vor mir, tappten ungeduldig mit den Füßen auf den Boden und sahen mich erwartungsvoll an. Sie wollten wissen wie es weitergehen sollte, aber ich hatte keine Antwort darauf. Verzettelt – schon wieder. Projekt tot!
Dieses Mal war die Enttäuschung größer. Es hatte den Anschein, als wäre ich zu so etwas wie einem Roman doch nicht in der Lage. Anfangs war ich geneigt, mich in mein Schicksal zu fügen. Schreiben war eben nicht jedermanns Sache. Das erschien sogar logisch, denn sonst würde es ja jeder tun und es wäre nichts Besonderes mehr daran. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Dass ich schon vollmundig im näheren Bekanntenkreis damit angegeben hatte, mich an einem Roman zu versuchen, würde ich dann natürlich irgendwann revidieren müssen, aber das hob ich mir für die Zeit auf, in der ich über meine Enttäuschung weg sein würde.
Ein ganz bestimmter Synapsencluster in meinem kleinen Hirn ließ jedoch nicht locker und arbeitete sich – anfangs eher unbewusst – weiter an der Frage ab, warum zum Teufel ich das nicht hinbekommen hatte. Wo ich mir doch so sicher war. Die Lust zu schreiben war eigentlich ungebrochen und die Überzeugung, dass ich dazu sehr wohl in der Lage sein müsste, ebenso!
Die Lösung des Problems war im Grunde lächerlich einfach, aber es hat mich doch ein paar Wochen gekostet, bis ich darauf kam. „Konzept“ heißt das Zauberwort. Mag sein, dass es Autoren gibt, die dreihundert und mehr Seiten füllen, ohne vorher großartig ein Konzept ausarbeiten zu müssen. Tolkien hat dies angeblich beim Herrn der Ringe geschafft. Ich jedoch, ein blutiger Anfänger, konnte das nicht. Die Erkenntnis war von einem Tag auf den anderen da und mit neu entflammtem Tatendrang habe ich mich die darauf folgenden Tage damit beschäftigt, einen Roten Faden, den berühmten Plot, für den dritten Anlauf zu spinnen. Zu wissen wo man beginnt, wo die Zwischenstationen liegen und wo man schließlich ankommen wird, ist eine wahrlich segensreiche Hilfestellung während des Schreibprozesses. Gerade wenn man an eine Stelle gelangt in der es knifflig wird, und das passiert trotz des Roten Fadens immer wieder, kommt man, ohne zu wissen in welche Richtung man gehen muss, ohne Kenntnis der Zielkoordinaten, kaum weiter.
Da ich ein berufstätiger Familienvater bin, konnte (und kann) ich nur in meiner Freizeit schreiben, die unter diesen Voraussetzungen knapp bemessen war (und ist). Ich bekomme es nicht mehr auf den Tag genau zusammen, aber etwa vier Monate später war ich stolzer Autor meines ersten vollständigen Romans, knapp über dreihundert Seiten, Arbeitstitel „Schwarzer Tee“! Und das Schönste daran ist, dass genau dieser Roman, mein erster überhaupt, direkt einen Verleger gefunden hat und als „Bote ins Jenseits“ im Herbst 2008 veröffentlicht wurde.
Der Moment, wenn man seinen eigenen Roman, seine eigene Geschichte, zum ersten Mal in gebundener Form in den Händen halt, ist einfach großartig! Ich will es nicht mit der Geburt des eigenen Kindes gleichsetzen, aber es kommt relativ dicht dahinter.
Natürlich schrieb ich weiter. Ich steckte schon mitten in den Arbeiten zu meinem zweiten Roman, als ich einen Verleger für den ersten fand. Aber selbst wenn sich weder für den ersten noch für den zweiten Roman irgendjemand interessieren würde, könnte ich doch nicht aufhören. Schreiben ist fantastisch und es gibt nichts Schöneres, als das Lachen oder Schmunzeln eines Menschen zu beobachten, der gerade deine Geschichte liest.
 
Es ist schon wieder meinem alten Freund Frank zu verdanken, dass ich an dieser Stelle meine allererste Geschichte zum Lesen feilbieten kann. Ich hatte sie auf einem USB-Stick, den es plötzlich und unerwartet in die ewigen Jagdgründe verschlagen hatte. Die Suche nach einem ausgedruckten Exemplar, welches es erwiesenermaßen mal gegeben hat, verlief erfolglos. Wie wahrscheinlich war es, dass er diese 3 Seiten, mit denen ich vor gut 5 Jahren nur wegen ihm auf breite Hosenträger machen wollte, noch hat? Das ist ein Zeichen!
 
Viel Spaß beim Lesen.